NHS privatisiert erstmals ein ganzes Krankenhaus
Die Privatisierung des staatlichen britischen Gesundheitsdienstes (National Health Service, NHS) schreitet weiter voran. Erstmals in der Geschichte Großbritanniens wird jetzt ein vormals staatliches Krankenhaus komplett in den Privatsektor überführt und soll damit sowohl effizienter als auch patientenfreundlicher werden.
Wie ein Sprecher des Londoner Gesundheitsministeriums auf Anfrage der zm bestätigte, werde das Hinchingbrooke Hospital (Grafschaft Cambridgeshire) in diesem Jahr von dem privaten Betreiber Circle übernommen. Bislang wird die Klinik, die 1.700 Ärzte, Krankenpfleger und weiteres Personal beschäftigt, vom NHS geführt. Das Krankenhaus macht seit Jahren Minus, weil es nicht ausgelastet ist.
Nun zogen Gesundheitspolitiker die finanzielle Notbremse. "Wir sind optimistisch, dass ein privater Betreiber die Klinik wieder zurück in die Gewinnzone führen kann", sagte ein Sprecher der lokalen Gesundheitsverwaltung von Cambridgeshire. "Circle hat einen überzeugenden Sanierungsplan vorgelegt."
Der neue Betreiber beabsichtigt, das medizinische Versorgungsangebot zu verbessern, neue diagnostische und therapeutische Angebote zu offerieren. Außerdem sollen die Krankenzimmer und OPs modernisiert und attraktiver gestaltet werden. Dafür wurde der Londoner Star-Architekt Lord Norbert Foster bestellt. Die Patientenverpflegung soll ebenfalls verbessert werden, indem ein Michelin-Caterer an Bord geholt wird.
Erste Komplett-Privatisierung in der NHS-Geschichte
Das Hospital litt zuletzt an einem Patientenmangel. Lokale Hausärzte überwiesen ihre Patienten zu selten, da sie nicht von der Qualität der angebotenen Leistungen überzeugt waren. Die neue Klinikleitung hofft jetzt, dass dank eines verbesserten Versorgungsangebots zukünftig wieder mehr Patienten in die Klinik kommen.
Es ist das erste Mal in der fast 64-jährigen NHS-Geschichte, dass ein staatliches Krankenhaus komplett von einem privaten Betreiber übernommen wird. Gesundheitspolitische Beobachter wiesen darauf hin, dass die Privatisierung Modellcharakter haben könnte, sollte sie erfolgreich sein.
Ärztliche Berufsorganisationen stehen dieser neuen Gesundheitspolitik der Regierung Cameron eher kritisch gegenüber. Eine Sprecherin des größten britischen Ärzteverbandes BMA warnte in London vor einer "scheibchenweisen Privatisierung unseres Gesundheitsdienstes". Freilich: In der britischen Zahnmedizin wird heute bereits ein Großteil der Patienten ausschließlich privat therapiert.
Abdruck honorarfrei